Erwachen im Werk 2 Leipzig. Ich bin jetzt also Nazi.

Liebes Werk 2 in Leipzig.

Seit heute weiß ich endlich, wo ich politisch und menschlich stehe. Dank eurer Security bin ich endlich in meiner Entwicklung weiter gekommen und habe erkannt was und wer ich wirklich bin: ein Nazi!

Doch mal schön der Reihe nach.

Am 13.02. 2020 wollte ich mit ein paar Freunden an der „Campain for Musical Destruction Tour- Leipzig im Werk 2 teilnehmen. Der Abend war lange geplant und die Vorfreude groß. Doch diese Freude endete ziemlich schnell am Einlass. Der Ordner beeugte erst skeptisch meine Frisur (nur noch wenig Haar- ich bin auch schon fast 48) und dann die Marke meiner Jacke. Dann erklärte er mir lakonisch, das er von seinem Hausrecht Gebrauch mache und mich auf Grund meiner Bekleidungsmarke jetzt des Geländes verweise, da hier Nazis nicht geduldet wären.

Nun. Das ich Nazi bin, war mir bis dahin neu und das gewisse „angeblich Nazi- affine“ Bekleidungsmarken, die weder verboten und jederzeit käuflich zu erwerben sind, mir den Einlass verwehren könnten, auch. Ich hatte mir bis dahin diesbezüglich überhaupt noch keine Gedanken gemacht.

Da er sich so offensichtlich an meiner Jacke störte, bot ich ihm an, diese im Auto zu verstauen und dann wiederzukommen. Darauf hin zerriss er sofort meine Eintrittskarte (die ja immer noch mein Eigentum war) und sagte mir nochmal, das Nazis nicht eingelassen werden und er umgehend die Polizei einschalten würde, falls ich nicht das Gelände sofort verlassen würde. Meine Freunde, die den Einlass schon unbeschadet überstanden hatten, versuchten zu schlichten und ich wollte lediglich noch sagen, dass sich alle beruhigen sollten und ich mich eben abholen lassen wollte- durfte ich mir anhören das ich SOFORT zu gehen habe, ansonsten könnten Leute auftauchen, die auch keine Nazis leiden können. Normalerweise würden hier „Solche“ gleich plattgemacht. Außerdem würde jetzt die Polizei eigeschaltet. 

Ich war weder agressiv, noch laut oder aufgebracht, nur absolut geflasht und fassungslos ob einer solchen Behandlung, Beleidigung und sogar Bedrohung. Und ich kann es immer noch nicht fassen.

Ich habe versucht im Guten eine Einigung zu ermöglichen und habe noch geschlichtet. Und werde dafür auf diskriminierende Art und Weise als Nazi bezeichnet, mein Eigentum wird zerstört und mir wird mit Gewalt und Polizei gedroht. 

So bin ich als mündiger, gesetzestreuer Bürger ohne jede Vorstrafe noch nie behandelt worden. Das stellt für mich eine Art der Diskriminierung, der Beleidigung (als Nazi) und eine infame Unterstellung dar! 

Wo genau sind wir da jetzt. 

Man schreibt mir also vor, wie (und welche) Frisur ich zu tragen habe und was ich anziehen muss. Wann kommt dann, wo ich mich mit meiner Hautfarbe aufhalten darf und was ich zu sagen habe? Ob ich ins Ausland reisen darf und ob ich auch richtig wähle?

Ja wo sind wir denn da hingekommen? Das ist doch reinster Faschismus, was hier ausgeübt wird! 

Ich bin weder Nazi, noch hatte ich vor einer zu werden. Ich hatte eine gültige Eintrittskarte, war (und bin) nicht gewalttätig oder beleidigend zu irgendwen gewesen und werde wegen Äußerlichkeiten diskriminiert? Und dazu noch bedroht, beleidigt und meines Eigentums beraubt?

Wo, liebes Werk 2, steht denn die Liste der Bekleidungsmarken die eingelassen werden? Steht da auch welche Hautfarbe man haben muss oder welche Frisur? Hausrecht hin oder her- aber das geht eindeutig zu weit! So etwas ist mit meinem Verständnis von freiheitlich-demokratischer Ordnung und Gerechtigkeit nicht zu vereinbaren.

Ich dachte das ich in meinem Alter aus solchen Kindergartenspielchen heraus wäre, doch ich musste mich eines Besseren belehren lassen. Ihr habt mir jedenfalls meine Abend gründlich versaut, auf den ich mich lange gefreut habe.

Aber dafür weiss ich ja nun wenigstens das ich ein „Nazi“ bin. Oder jedenfalls- und mindestens- ein Mensch auf den man auf Grund eines kleinen Labels und mangelndem Haarwuchses herunterblicken und den man beleidigen, bedrohen und bestehlen darf und sogar muss.

Ich danke euch für einen kleinen Einblick in eine Gesinnung, die nichts außer der eigenen Meinung und der eigenen Werte akzeptiert und sich, nichts desto Trotz, weltoffen, tolerant und freiheitlich präsentiert. Aber Freiheit ist wohl etwas anderes. Vielleicht verwechsle ich das auch. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste.

Liebes Werk 2: ihr seid genau das Gegenteil von Freiheit und Demokratie und ihr solltet euch schämen. Und ich schäme mich für euch und uns alle. Für eine solche Behandlung habe ich 1989 bestimmt nicht demonstriert und Leib und Leben für -auch eure- „Demokratie“ riskiert. Da war eure Security noch nicht mal auf der Welt. Und deswegen kenne ich noch den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie. 

Das heute war Diktatur, Diskriminierung, Beleidigung, Unterstellung und Bedrohung. Und dazu völlig unnötig!

Danke für die Lehrstunde. Jetzt weiss ich wieder, wo ich lebe.

Update

Offizielle Antwort der Geschäftsleitung Kulturfabrik e.V. vom 18.02. 2020 

Sehr geehrter Herr Grimmling.

Danke für Ihre Mail. Ich kann Ihnen versichern, dass in unserem Haus kein Gast aufgrund seiner Frisur davon abgehalten wird, an einer Veranstaltung teilzunehmen.

Anders verhält es sich, wie in unseren AGBs verdeutlicht, in Bezug auf Bekleidung und damit in Verbindung stehende mögliche politische Gesinnungen.

Nach Rücksprache mit unserer Security handelte es sich um das Tragen einer Jacke der Marke „Thor Steinar“. Das Tragen dieser Marke ist laut unserer Hausordnung in unserem Haus untersagt.

Mit dem Kauf eines Tickets willigen Sie in unsere Hausordnung, welche in den AGBs auf der Webseite des WERK 2 einzusehen ist, ein.

Unsere Besucher-AGBs und eine Liste mit den Marken & Dingen, zu denen wir uns vorbehalten, deren Trägern den Zutritt zu unseren Veranstaltungen und sonstigen Angeboten zu verweigern, finden Sie unter diesem Link https://www.werk-2.de/programm/tickets/ explizit dem Ticketkauf vorgeschaltet. Auch beim Ticketkauf über andere Anbieter weisen wir auf den Tickets ausdrücklich auf die Akzeptanz unserer AGBs durch den Kauf von Tickets zu Veranstaltungen in unseren Räumlichkeiten hin.

Unsere Security ist dazu ermächtigt, unsere Hausordnung & unser Hausrecht durchzusetzen und hat entsprechend in unserem Sinne gehandelt. Wir stehen vollumfänglich hinter der Entscheidung unserer Security-Mitarbeiter*innen.

Mit freundlichen Grüßen,

xxxxxx xxxxx

Meine Antwort darauf:

Sehr geehrte/r xxxxxx xxxxxxxx.

Danke für Ihre Antwort. Auch wenn diese nicht meinen Erwartungen entspricht, bin ich doch positiv überrascht überhaupt eine Antwort zu erhalten. 

Meine Entrüstung über den geschilderten Vorfall bezieht sich aber eigentlich nicht auf den Inhalt Ihrer AGB´s oder Index-Listen. Meine Enttäuschung und Wut fußt vielmehr auf dem Verhalten Ihrer Security mir gegenüber. Natürlich steht es Ihnen frei in Ihrem Hause Regeln aufzustellen und diese Regeln auch durchzusetzen. Das wäre ja auch in friedlicher Weise möglich gewesen.

Um das besser zu verstehen, muss ich etwas ausholen. Ich bin noch in der DDR aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dort war ich einer der Besten meines Jahrganges. Mit fünfzehn Jahren wurde mir mitgeteilt das ich im Militärdienst an der innerdeutschen Grenze eingesetzt werden würde. Dies lehnte ich mit der Begründung ab, niemals auf Republikflüchtlinge schießen zu wollen. 

Was darauf über mich und meine Familie an Repressionen hereinbrach, kann sich heute niemand mehr vorstellen. Wöchentlich, manchmal mehrmals, wurde ich allein oder mit meinem Vater zur Staatssicherheit vorgeladen und psychisch, und manchmal auch physisch, aufs übelste bedroht und unter Druck gesetzt. So konnte ich mir hunderte Male anhören das ich als Bürger nicht tragbar war. Das ich nicht so aussah, nicht so dachte und sprach wie man es von mir erwartete und das „Solche wie ich“ hier nicht erwünscht wären.

Ich durfte kein Abitur machen, nicht studieren und konnte nur mit viel Mühe, List und Beziehungen überhaupt eine Berufsausbildung absolvieren. Deshalb war ich 1989 auch sofort mit dabei, als die friedliche Revolution begann. Ich wollte mir nie wieder vorschreiben lassen, wie ich zu leben habe!

Und nun, mit knapp 50 Lebensjahren stehe ich vor einer Security, die mein Sohn sein könnte, und muss mir wieder anhören, das ich hier unerwünscht bin. Das ich nicht so aussehe, wie es erwartet wird. Und das „Solche wie ich“ hier normalerweise gleich plattgemacht werden. Und das mit einer Genugtuung, die mehr sagt als bloße Worte. Da ich mich selbst Zeit meines Lebens im linken Spektrum verortet gefühlt habe, trifft mich eine solche Unterstellung doppelt.

Ich hoffe das Sie das menschlich nachvollziehen können, das da in mir alte Wunden aufbrechen und ich mich nicht mit einem kleinen Verweis auf eine AGB zufrieden gebe.

Ich habe einen Fehler gemacht, das gebe ich zu. Aber ich habe sofort angeboten diese Jacke  wegzubringen. Wo ist dabei das Problem? Ich war nicht alkoholisiert, nicht laut oder agressiv, habe keine Drogen genommen und keinen Ärger gemacht. Es gab keinen Anlass mich so abwertend und agressiv zu behandeln. Ich war sogar ruhig, besonnen und habe geschlichtet. Ich hatte nur eine falsche Jacke an, die ich hätte wegbringen können. 

Mir dafür als zahlenden Kunden das Eigentum zu entwenden, mich obendrein noch zu beleidigen, zu unterstellen ich wäre ein Nazi und mir sogar noch zu drohen, obwohl dazu kein Grund bestand, macht mich betroffen und wütend. Ihre Security hat mich in aller Öffentlichkeit und vor meinen Freunden beleidigt, gedemütigt und bedroht. Dafür gibt es Zeugen. Das war für mich und meine Begleiter eine erniedrigende Situation, die so hätte nicht sein müssen. 

Und das war mein zweiter Fehler. Als die Drohung kam, die Polizei jetzt einzuschalten, hätte ICH das sofort selbst machen müssen. Und eine Anzeige wegen Beleidigung und Androhung einer Straftat stellen sollen.

Das Sie sich schützend vor Ihre Angestellten stellen, ist sehr löblich. In meiner Eigenschaft als langjähriger Arbeitnehmervertreter erlebe ich das eher selten. 

Doch ich möchte Ihre kostbare Zeit nicht länger verschwenden. Ich bin immer noch nicht ganz frei von der Hoffnung einer Entschuldigung Ihrerseits und die Rückerstattung meiner Karte zu erwarten (jaja- die AGB deckelt auch das). Das kann mir zwar den entgangenen Spaß des Abends und Ärger nicht wieder gutmachen, würde aber von menschlicher Größe und gelebten Idealen Ihres Vereines zeugen.

Ich gebe auch weiterhin die Hoffnung nicht auf, Probleme durch offene und respektvolle Gespräche lösen zu können.

Über eine ehrliche Antwort würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Steffen Grimmling

Eine Antwort auf dieses Schreiben erhielt ich nicht. Ich hatte auch nicht damit gerechnet. Das alles zeugt von einer faschistoiden und feigen Grundhaltung allem gegenüber, was nicht 100% linksautonom tickt. Andere Meinungen zählen nicht und sind zwangsweise immer feindlich und rechts. Hier ist mit Logik oder menschlichem Verständnis einfach nichts zu machen. Von Polizei und „Rechtsstaat“ ist hier auch nichts mehr zu erwarten.

Ich werde meinen Fuß jedenfalls nicht wieder ins Werk 2 setzen und mit meinem Geld diese Geisteshaltung weiter unterstützen. Ich habe gelernt.

Jegliche Art von radikalen Ansichten lehne ich ab. Jeder der seine Gewaltaffinität hinter einer Ideologie oder Religion, egal welcher Richtung, versteckt ist hier falsch. So etwas ist nicht mein Ding und wird es nie sein.

Und für solche Einblicke sollte man auch fast dankbar sein.

4 Comments

  • Silvio Illing

    17. Februar 2020 at 9:57 Antworten

    Ich bin fassungslos was dir passiert ist. Die Location werde ich wohl auch in Zukunft meiden. Was war denn das für eine Jacke, die du an hattest?

    • Steffen G.

      17. Februar 2020 at 10:22 Antworten

      Ich geb ja zu es war dumm von mir. Es war eine Thor Steinar. Aber: die ist einfach nur schwarz, ohne irgendwelchen Firlefanz, Runen oder irgendwas. Von rechtslastigen Symbolen ganz zu schweigen. Deswegen habe ich ja auch sofort angeboten das Teil wegzubringen und ohne Jacke wieder zu kommen. Mit der Jacke war ich schon auf über 20 Veranstaltungen, die meisten in Leipzig. Und ich wurde noch nie auch nur komisch angesehen. Deswegen hab ich da mit keiner Silbe drüber nachgedacht. Trotzdem ist das kein Grund für Beleidigungen und Bedrohung. Ich habe mir nichts zu schulden kommen lassen.

      • Silvio Illing

        17. Februar 2020 at 10:30 Antworten

        Im Endeffekt war es trotzdem nur eine Jacke. Aber Toleranz wird ja in Connewitz auch nicht so groß geschrieben.

        • Steffen G.

          17. Februar 2020 at 12:32 Antworten

          Ist eben sehr dumm gelaufen. Die Karte hatte ich nur mitbestellt und wusste nur das es in Leipzig ist… Von Connewitz wusste ich nix, da hätte ich mir wahrscheinlich wegen der Anzugsordnung mehr Gedanken gemacht…

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